• Forschung
  • Philosophie
  • Zukunftsforschung
  • Mensch & Technik
  • Zivile Sicherheit
  • Akzidenz

Forschung

Bundestag Bonn Philosophie & Zukunftsforschung

Nach meinem Studium der Literatur und Philosophie habe ich mich entschieden, zunächst die Alma Mater zu verlassen und Forscher bei Fraunhofer zu werden. Natürlich war diese, wie alle Entscheidungen, flankiert von Zufällen, die sie ermöglichten und nahelegten. Ein solcher Zufall, und dieser wiederum gestützt durch ein Gespür für aktuelle Problemelagen und kritische Entwicklungen, war der Umstand, dass ich mich philosophisch auf Gegenwartsdiagnosen fokussierte. So schloss ich mein Studium mit einer Arbeit über Mensch-Technik-Grenzverschiebungen ab, was zeitgleich beim damals noch laufenden und nicht veröffentlichten Foresight-Prozess des Bundesforschungsministeriums als eines der sogenannten "Zukunftsfelder neuen Zuschnitts" identifiziert wurde. Diesen Prozess führte das Foresight-Team des Fraunhofer ISI durch. Diese thematische Übereinstimmung stellten wir gemeinsam während meines Bewerbungsvortrages dort fest.
Kurz danach, 2009, begann ich am ISI und wurde gemeinsam mit Philine Warnke Themenkoordinator für Mensch-Technik-Grenzverschiebungen des BMBF Foresight-Prozesses. Ein Jahr später veröffent-lichte ich zum Thema die Monographie "Der Mensch als Autofakt", in der ich meine philosophische Herkunft mit aktuellen Themen meiner Arbeit als Zukunftsforscher kombiniere.

Forschungs-TagsDies stellt seither den Kern meines Forschungsprofils dar: die Schnittstellen von Philosophie und Zukunftsforschung. Dem Themenkomplex der Mensch-Technik-Grenzverschiebungen haben sich dabei weitere Inhalte beigefügt wie Fragestellungen der zivilen Sicherheitsforschung oder Entwicklungstendenzen gesellschaftlicher Bedürfnisse. Die Wortwolke rechts gibt einen Eindruck über Themen und Aspekte, mit denen ich mich beruflich befasse.

Es finden sich daher in diesem Menüpunkt Forschung Einblicke - zunächst - in meine Arbeiten und Schwerpunkte im Bereich der →Philosophie und als zweites entsprechend zu meiner Arbeit in der →Zukunftsforschung. Beide geben in wechselseitiger Beeinflussung den disziplinären und methodischen Rahmen meiner Arbeit an.
Um inhaltlich-thematische Schwerpunkte vorzustellen, folgen mit →Mensch & Technik und →Zivile Sicherheit zwei meiner zentralen Forschungsthemen. Ein philosophisches Konzept, in dem ich Zukunft und (Un)Sicherheit, Zufall, Unfall, Erfindung und Innovation verschränke, trägt den Titel →Akzidenz, dem der letzte Abschnitt dieses Menüpunktes Rechnung trägt. Ergänzendes zu meinem Forschungsprofil findet sich im Menüpunkt →Publikationen.

Philosophie


Bruno Gransche Gegenwartsphilosophie, Technikphilosophie, Phänomenologie, Hermeneutik, Praktische Philosophie

Aktualität, Anwendungsbezogenheit, Verstehen, Orientierung, Handlungsrelevanz, Gegenwart, Zukunft, (Un)Sicherheit, Resilienz, Risiko, Gefahr, Technik, neue Phänomene: Diese Schlagworte markieren das Feld meiner philosophischen Beschäftigung, auf dem ich auf einer Basis von Praktischer Philosophie, Technikphilosophie, Hermeneutik und Phänomenologie arbeite.

Ich interessiere mich v.a. dafür, welche der philosophischen Leistungen helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Denn so wie Information ohne Verständnis stumm ist, so ist m.E. eine Wissensgesellschaft im Informationszeitalter ohne kontinuierliche Versuche alternativer Deutungen und immer neuen und anderen Verstehens, also Philosophie, nichts als ein Gerücht. Dabei ist die philosophische Fakultät, die Akademia, keineswegs der einzige Ort, an dem dieses Deuten und Verstehen stattfinden kann - doch von ihr kann dafür fantastisch profitiert werden.

PrometheusEntsprechend sehe ich großes Potenzial für eine aktualisierte Hermeneutik, eben jener philosophischen Spezialdisziplin der Kunst des Deutens und Verstehens. Mein Vorschlag dazu ist das Konzept einer narrativen Hermeneutik der Zukunft. Zweck dieser Aktualisierung bleibt ein Beitrag zum besseren Verständnis gegenwärtiger Phänomene, Probleme und Herausforderungen. Viele der aktuellen Phänomene, für die noch kein passendes Denkzeug, keine adäquaten Begriffe existieren und die zu bedenken uns daher aufgegeben ist, haben selbst etwas Technisches oder wechselwirken auf irgendeine Weise mit Technik. Ein aktueller, leistungsfähiger Technikbegriff ist daher unentbehrlich für gegenwärtige Philosophie, die das besonnene Handeln leiten können soll.

Philosophie der Gegenwart, das heißt in unserer Zeit immer auch Philosophie der Zukunft; denn unsere Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft hat in der gesamten Moderne beispiellos auf Zukunftsreferenz umgestellt. Nicht die alten Meister, die Ahnen und die Tradition, sondern das radikal Neue, die Zukünftigen und Zukunftsfähigen - was auch immer das sein mag - bestimmen unser Handeln. Daher hat Philosophie heute sich auch mit dem Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu befassen, wozu etwa die Phänomenologie Husserls und die Hermeneutik Heideggers zentrales geleistet haben.
"Zukunft" wird oft, v.a. wenn damit auf ein Handeln eingeschworen werden soll, im Modus des Risikos oder der Gefahr bzw. unter der Hinsicht der (Un-)Sicherheit behandelt, wofür die Becksche Risikogesellschaft eines der populäreren Labels abgibt. Daher ist bei gegenwartsphilosophischer Auseinandersetzung mit Zukunft auch Arbeit an den Konzepten Risiko, Gefahr, (Un-)Sicherheit und Resilienz, Strategien, (Ver)Sicherungen etc. geboten. Hier ist es m.E. nötig, mit einem neuen Begriff zu operieren, der heute leistungsfähiger ist als Risiko und Gefahr; mein Vorschlag hierzu ist das Konzept der Neogefahr.

Prometheus, links abgebildet, verwende ich mitunter als mythischen Kristallisationspunkt vieler der genannten Aspekte, denn Prometheus ist der Vorauswissende, der die Zukunft kennt, Stifter der Technik, der den Menschen dem Mythos nach Sprache, Vernunft und Wissenschaft gebracht hat, er ist der Protorevolutionär gegen die Götter und ihre religiöse Bevormundung: Daher ist er die Leitmetapher meiner Dissertation über Vorausschauendes Denken in Philosophie und Zukunftsforschung.

Zukunftsforschung

Foresight, wissenschaftsbasierte Praxis, Grundlage für Entscheidungen

Seit 2009 arbeite ich im Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in der Abteilung Foresight.

Post-It"Foresight is a process by which one comes to a fuller understanding of the forces shaping the long-term future which should be taken into account in policy formulation, planning and decision making." (Coates, 1985)

Fraunhofer Foresight
Die Abteilung Foresight des Fraunhofer ISI konzipiert, implementiert und begleitet Foresight-Aktivitäten für Auftraggeber aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. "Wir verstehen unsere Forschungs- und Beratungstätigkeit als einen Beitrag zur Stärkung der Zukunftsfähigkeit in unserer Gesellschaft und fördern so Lernprozesse und fundierte Diskurse über mögliche Entwicklungen." →mehr...

Zukünfte und Gesellschaft
Fokus meiner Arbeit als Zukunftsforscher ist die Perspektive auf Wechselwirkungen von Zukünften und Gesellschaft:
"Wir erforschen Zukünfte für die Gesellschaft – von der Suche nach gesellschaftlichen Trends bis hin zu kulturellen Grundsatzfragen wie dem zukünftigen Verhältnis von Mensch und Technik. Unser Schwerpunkt liegt auf der Analyse und Bewertung des zukünftigen Zusammenspiels gesellschaftlicher Teilbereiche (Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik, Technik, Umwelt, etc.). Wir untersuchen sozio-technische Innovationen, Transformationsprozesse sowie Stabilität und Dynamik von gesellschaftlichen Phänomenen. Auf dieser Basis entwickeln wir Zukunftsbilder und liefern Impulse für Diskussionen zu neuen und zeitlosen Themen."→mehr...

Mensch & Technik

„Ein Mensch ohne Technik... ist kein Mensch.“ - „Halten wir daher fest, daß die Technik fürs erste die Anstrengung ist, Anstrengung zu ersparen.“ (Ortega y Gasset)

„Wegen der Größe der Frage, was damit aus den Menschen werden kann, ist die Technik heute vielleicht das Hauptthema für die Auffassung unserer Lage. Man kann den Einbruch der modernen Technik und ihre Folgen für schlechthin alle Lebensfragen gar nicht überschätzen.“ (Karl Jaspers)

Praxen der Unrast Mobilität als Metamorphose des Menschen. Der Cyborg als Prototyp des Unterwegsseins
In: Jens Badura, Cédric Duchêne-Lacroix, Felix Heidenreich (Hrgs.), Praxen der Unrast - Von der Reiselust zur modernen Mobilität. | Se faire mobile: Du gout au voyage à la mobilité moderne

"Bruno Gransche fasste in seinem Beitrag die Vorstellung der wandelbaren Identität des Menschen noch radikaler: Nicht kulturelle Identifikationen sind [...] in Zeiten hoher Mobilität vielen Wandlungen unterzogen; der Mensch selbst hat sich durch moderne Technologie längst als ein sich selbst wandelndes Wesen erwiesen. Immer neue Technologien der Mensch-Maschine-Hybridbildungen erlaubten es, von einer „anthropologischen Mobilität“ zu sprechen.
Der Mensch habe sich längst auf den Weg gemacht, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu überschreiten oder aufzulösen. Gransche konnte hierfür konkrete Technologien aus seiner Arbeit am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung anführen." (Auszug aus dem Bericht des IZKT Colloquiums 2009)


Der Mensch ist unterwegs seit er zum Auszug aus dem Paradies gezwungen wurde. Aus dem Fluch schien zunächst ein Segen zu werden. Seit den großen Pilgerreisen des Mittelalters und den Entdeckerfahrten der Frühen Neuzeit hat die Mobilität rasant zugenommen. Noch nie waren so viele Menschen so viel unterwegs wie heute. Dieser Zuwachs an Mobilität scheint an Grenzen zu stoßen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die ökologischen und sozialen Kosten der Mobilität deutlich werden, zeichnet sich eine Sättigung des Marktes ab. Zudem erledigt sich das romantische Projekt einer Begegnung mit dem Anderen in jenem Moment, in dem die Welt vollständig vermessen ist. Oder bleibt der Drang zur Mobilität eine anthropologische Konstante?

Der Band versammelt deutsche und französische Beiträge von Jean Didier Urbain, Elisabeth Ruchaud, Pia Doering, Felix Heidenreich, Anna Helena Klumpen, Hannes Fernow, Bruno Gransche, Cédric Duchêne Lacroix, Darja Reuschke und Jens Badura, die das Thema aus der Perspektive verschiedener Disziplinen in den Blick nehmen. (Taschenbuch: 184 Seiten, Lit Verlag; 1., Aufl. (2011), ISBN-10: 3643112017, ISBN-13: 978-3643112019)

Im Herbst 2009 fand im Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart (IZKT) ein interdisziplinärer Austausch zum Thema Mobilität statt. Nach einem Auftakt von Jean-Didier Urbain und unter Moderation von Felix Heidenreich, Jens Badura und Cédric Duchêne-Lacroix wurde drei Tage aus den verschiedenen Perspektiven der beteiligten Disziplinen auf französisch und deutsch über das Phänomen der Mobilität diskutiert. Eine interessante, inspirierende und intellektuell wie sprachlich mobilisierende Veranstaltung. "Mobilität: Von den Ursprüngen der Reiselust bis zu ihrem Ende in der vermessenen Welt war Thema des 5. Deutsch-französischen Graduierten-Colloquiums, das vom 29.-31. Oktober 2009 am Frankreich-Schwerpunkt des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart stattfand." (siehe DVA-Stiftung)

BMBF Foresight Neue Forschung für neue Mensch-Technik-Verhältnisse
Innovationen, die eine neue Qualität von reibungsloser technischer Unterstützung des Menschen ermöglichen, erfordern nicht nur technische Entwicklungen, sondern auch solide Erkenntnisse über das menschliche Denken, Fühlen, Kommunizieren und Verhalten. Aktuelle Technologien weisen eine neue Nähe zum Menschen, seinem Körper, seinem Gehirn und seinem alltäglichen Leben auf.

Komplexe technische Systeme sind in nahezu jeden Lebensbereich vorgedrungen; die Expansion der Techniksphäre sowie die Selbsttechnisierung des Menschen stellen eine neue Herausforderung für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft dar. Der Mensch umgibt sich immer dichter mit einer wachsenden Zahl multifunktioneller, miniaturisierter, vernetzter und kontextsensitiver Geräte. Die funktionale Verschränkung dieses zwar fragmentierten aber in enger Kommunikation organsierten technischen Systems macht dieses zu einer Technikhülle, ‚die den Menschen mehr umfließt, als dass sie ihn noch in irgendeinem starren Sinn umgibt‘.
Damit wird ein umfassendes integriertes Wissen über den Menschen, die Technik und ihre Relationen wichtig. Wissensbestände um den Menschen und um die Technik müssen in ihrer ganzen einzeldisziplinären Breite und Vielfalt miteinander verschränkt werden, wenn es gelingen soll, die hohe Dynamik der Entwicklung in einen wünschenswerten Rahmen zu bringen.
Komplexität, Eindringtiefe, Wirkmacht und Wirkungsradius des gegenwärtigen und erst recht des sich abzeichnenden Technikkontinuums sind von keiner Einzeldisziplin der heutigen Forschungslandschaft adäquat zu erfassen, geschweige denn aktiv, sinnvoll, langfristig zukunftsfähig und wünschenswert zu gestalten. Die Fundierung eines Diskurses über gesellschaftlich wünschenswerte Formen dieser Technosphäre, ist – neben der Bewahrung eines Gestaltungsspielraumes überhaupt – eine der Hauptaufgaben des vorgeschlagenen Forschungsfeldes Mensch-Technik-Kooperationen.
(Warnke, Gransche 2009) →mehr zum BMBF Foresight

Der Mensch als AutofaktDer Mensch als Autofakt - Technik-Haben und Technik-Sein in der New Reality des 21. Jahrhunderts
Im 21. Jahrhundert hat sich eine grundsätzliche Transformation des Humanen dynamisiert. Zu einer immer dichteren technischen Durchdringung der menschlichen Lebenswelt kommt eine immer nahtlosere Einbettung des Menschen in eine expandierende Technosphäre. Angesichts dieser Entwicklungen muss die Frage nach dem Menschen und seinem Verhältnis zur Technik aktualisiert gestellt werden. Dieses Buch beginnt eine solche Revision im Rahmen der philosophischen Anthropologie.
Kernthese ist die integrierende Perspektive von Mensch und Technik als Komponenten eines biotechnischen kybernetischen Systems, der New Reality. Basis dieses Konzepts sind die Ansätze Gehlens, Popitz' und Spinners, die allerdings im Lichte aktueller soziotechnischer Entwicklungen sowie unter Einflüssen aus Mythologie und Kybernetik, aus Paul Virilios Dromologie und Jean Baudrillards Simulakra weiterentwickelt werden. Dies ist ein Versuch, den Menschenbildern der Vergangenheit eine Perspektive der Gegenwart hinzuzufügen, die den Menschen in eine technisch entfesselte, aber menschlich lebenswerte Zukunft entwirft. Ein Selbstverständnis des Menschen als Autofakt soll ins kritische Bewusstsein gerufen werden. (Taschenbuch: 196 Seiten, VDM (2010), ISBN-10: 3639271327, ISBN-13: 978-3639271324)
Open Access Volltext hier bei Fraunhofer Publica herunterladen...

Zivile Sicherheit

Sicherheit als Zukunftsmodus
SchlüsselDer Begriff Sicherheit ist notorisch vieldeutig: security, safety, certainty, Gewissheit, Erwartbarkeit, keine Gefahren, keine Risiken, keine Sorgen, keine Bedrohungen, keine Unfälle.
Ein Schlüssel zum Verständnis von Sicherheit liegt m.E. in einer grundlegenden Gemeinsamkeit all dieser Aspekte: Es sind gegenwärtige Zukünfte, also Modi des Zukunftsbezuges in der Gegenwart. Als solche thematisiere ich Sicherheit aus der Perspektive philosophischen Zukunftverstehens; als wertbezogene Zukunftsvorstellung ist Sicherheit Gegenstand meiner Zukunftsforschung.

Barometer Sicherheit Deutschland BaSiDBarometer Sicherheit Deutschland - BaSiD
Im Rahmen des Forschungsprojektes Barometer Sicherheit Deutschland BaSiD habe ich die reziproke Dynamik von Technikgenese und (Un-)Sicherheitserwartungen hinsichtlich in der Entwicklung befindlicher Technologien erforscht. Dabei sind wir von einem subjektiven psychologischen Sicherheitsbegriff ausgegangen, der das jeweilige Sicherheitsemfpinden in Relation zur subjektiven Einschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten in Abhängigkeit zur jeweiligen Situation begreift.
Mit partizipativen Methoden - Open Space, Fokusgruppe, Co-Design-Workshop - haben wir untersucht, wie in der Entwicklung befindliche Sicherheitstechnologie zukünftig solche Einschätzungen des eigenen Handlungsspielraumes beeinflussen könnten. Die Ergebnisse flossen in das Gesamtprojektziel der Erstellung eines Sicherheitsbarometers für Deutschland ein:

"Sicherheit bedeutet u.a. Angstfreiheit, Geborgenheit und Vertrauen. Sicherheit stellt damit ein elementares menschliches Grundbedürfnis und eine zentrale gesellschaftliche Leitidee dar. Die Vielschichtigkeit, aber auch emotionale und normative Überfrachtung des Begriffs wirft komplexe übergreifende Fragestellungen zu objektiven Sicherheiten, Wahrnehmungen, Empfinden, Bedingungen und Erwartungen auf. BaSiD möchte verschiedene Dimensionen von Sicherheiten erfassen und ein Monitoring zu objektivierten und subjektiven Sicherheiten in Deutschland erstellen."
→mehr zum Barometer Sicherheit Deutschland BaSiD

Akzidenz

Es kann auch anders sein.

VexierbildAkzidenz kann verstanden werden als das, was weder unmöglich noch notwendig ist oder kurz als: das Auch-anders-sein-Können. Als Akzidenzphänomene lassen sich daher typische Phänomene des Auch-anders-sein-Könnens bezeichnen, ein Vexierbild etwa, wie das, das entweder zwei Gesichter im Profil oder eine Vase zeigt (s. Bild rechts).

Die Geschichte scheint als eine Reihe von Akzidenzereignissen lesbar. Vormalige Gewissheiten wurden mit der Entwicklung der Wissenschaften sukzessive in den Modus des Auch-anders-sein-Könnens überführt. Selbst in Bereichen, deren Phänomene für über(raum)zeitlich gültig gehalten wurden, wie etwa in der Geometrie, ist diese Tendenz der Akzidenzialisierung aufspürbar: Die Winkelsumme eines Dreieckes ist bei extrem langen Seitenlängen (in der elliptischen Geometrie) z.B. größer als 180 Grad.

In der Philosophie hat die Beschäftigung mit dem Sein und Anders-Sein gewissermaßen mehrere Wandlungen hinter sich, etwa von der Lehre vom Sein, der Ontologie, hin zu der Lehre vom Sein für Bewusstsein und damit vom jeweiligen Anders-Sein der Phänomene, der Phänomenologie. Die Seinsvorstellungen der antiken Ontologie sind, bei aller Faszination für diese Zeitzeugnisse, heute und für mich nicht zentral. In der Phänomenologie und speziell bei Heidegger kann ein langer Anlauf des Akzidenzbewusstseins als an einem vorläufigen Höhepunkt gelten. Das geht mit Heideggers Konzeption der Technik als Gestell einher, die er als das Wesen der modernen Technik erklärt.
Die Technik fordert nach Heidegger den Menschen immer schon heraus und auf, mit ihr transformierend (hervorbringend) auf die Welt einzuwirken und sie so für sich zu entdecken (zu entbergen, zu lichten). Der Mensch ist mit Heidegger nicht ohne seinen technischen Bezug zur Welt zu denken, er steht immer schon im „Wesensbereich des Ge-stells. Er kann gar nicht erst nachträglich eine Beziehung zu ihm aufnehmen.“, so Heidegger. Deutlicher Ortega y Gasset: „Ein Mensch ohne Technik […] ist kein Mensch.“ Mittels Technik entdeckt der Mensch die Welt und fördert Brauchbares zu Tage. Das betrifft die Förderung von Kohle als Energierohstoff, das Hervorbringen von Nahrung durch Bestellen der Äcker, das Entdecken von Abläufen der Kernspaltung oder der Photovoltaik zur Energiegewinnung. Heidegger subsummiert diese Formen des Hervorbringens im Terminus Entbergen. Dieses Hervorbringen oder Aufdecken der Technik (τέχνη) bezieht er mit (seinem) Aristoteles auf das künstlerisch-schöpferische Hervorbringen (ποίησις).
Technik ist also eine Perspektive auf die Welt, die sich darauf richtet, das Veränderbare in der Welt als Objekt menschlich manipulativen Zugriffs zu enthüllen, also technisch-poietisch hervorzubringen. Diese Weise des Weltwahrnehmens als stets Zuhandenem, als bereits in der Wahrnehmung auf seinen Gebrauch, seine Handhabung hin Wahrgenommenes wurde 2008 von Seiten der Neurophysiologie mit der Entdeckung der Spiegelneuronen neurowissenschaftlich bestätigt.
Entsprechend ist ein Mensch „im Wesensbereich“ der Technik jemand, dem sich die Welt als durch diese Technik handhabbar, veränderbar darstellt. Aus zweierlei Gründen bedeutet dies eine Betonung der Akzidenz: Einerseits, da das Veränderbare (der Bestand), als das die Welt so erscheint, die Sphäre der Akzidenz ist. Denn man kann nur ändern, was auch anders sein kann. Der Bestand, auf den sich der technische Weltbezug und überhaupt jedes Handeln des Menschen richtet, ist das Veränderbare, ist Akzidenz. Denn, was nicht anders sein kann oder überhaupt nicht ist, das kann nicht Gegenstand unseres Handelns, sondern nur unseres Erduldens sein; d.h. der technische Fortschritt, die stetige Reichweitenerhöhung technischer Manipulation, die Expansion des Herstellen-Könnens (des invertierten Utopisten) wäre folglich eine Expansion der Akzidenz. Was technisch transformierbar ist, und das ist heute fast alles, inklusive Form und Möglichkeit des Menschen selbst, ist akzidentiell. Andererseits setzt eine Philosophie, die der Technik eine derart zentrale Rolle einräumt, zwangsläufig auch deren technospezifischen Akzidenzphänomene, also Unfälle, zentral. Von dem vorläufigen Höhepunkt des Akzidenzbewusstseins gilt es jedoch weiter voranzuschreiten, da sich Akzidenz nicht nur auf Unwesentliches, Zufälliges und Unfälle bezieht.

Einiger dieser Schritte sowie eine Herleitung und Darstellung der Akzidenzexpansion und des Akzidenzbewusstseins habe ich in meiner Untersuchung Vorausschauendes Denken - Philosophie und Zukunftsforschung jenseits von Statistik und Kalkül (transcript 2015) vorgelegt.